Es sind Sommerferien. Ich ruhe mich aus. Ich habe auch endlich mal wieder Zeit, mich mit mir selbst zu beschäftigen. Aber will ich das überhaupt? Reflexion ist ernüchternd.

Ich habe seit 2023 Depressionen. Bekommen haben ich das Ganze als Ergebnis einer Long-Covid-Erkrankung. Seitdem ist nichts mehr, wie es vorher war. Aus dem starken und leistungsfähigen Krömer, der immer mehrere Projekte parallel am laufen hatte und alles ohne Probleme handeln konnte, ist ein jammernder Waschlappen geworden, der nicht mal kleinste Dinge auf die Reihe bekommt.

Bei mir haben sich mit der Zeit so viele Dinge angestaut, die ich erledigen müsste. Nichts davon kriege ich ohne riesige Überwindung hin. Ich habe gestern nach Monaten endlich mal alle Arztrechnungen bei der Versicherung eingereicht, damit sie nicht verfallen. Die ganze Sache hat nur ca. 30 Minuten gedauert. Ich fühlte mich danach, als wäre ich einen Marathon gelaufen.

Ich bin immer müde, ohne Motivation und Antrieb. Ihr fragt Euch, warum ich nicht mehr streame? Es liegt nicht an Euch – ich würde schrecklich gerne mal wieder nen Abend mit Euch verbringen und mit meiner geliebten Streaming-Community reden. Ich habe nur einfach nicht mehr die Kraft dafür. Der bloße Gedanke daran löst Stress und Anstrengung bei mir aus.

Und das ist genau der Punkt: Ich habe mir das nicht ausgesucht. Ich fühle mich nicht wohl damit. Ich würde alles dafür geben, wieder der Alte zu sein. Wenn ich an mein altes Leben denke und mir klar wird, wie sehr ich es vermisse, rollen mir sofort die Tränen über die Wangen. Ich würde so gerne wieder regelmäßig (mit Paape) um die Häuser ziehen, Vlogs machen und die Welt ein kleines bisschen erobern – aber so sehr ich es mir auch wünsche, ich habe einfach keine Kraft dafür.

Therapien helfen mir nicht. Ich habe mehrere Therapeutinnen ausprobiert. Einfach nur darüber zu reden, wie schlecht es mir geht und ständig die Frage „wie fühlen Sie sich jetzt gerade“ zu beantworten, macht die Sache für mich nicht besser.

Medikamente (Antidepressiva) helfen. Sie lassen mich (meist) meinen Alltag bewältigen. Sie lassen den Schmerz und die Traurigkeit (teilweise) verschwinden. Was sie allerdings auch verschwinden lassen, sind die positiven Emotionen: Ich kann mich über nichts mehr freuen, empfinde kein Glück mehr und laufe wie ein Zombie durchs Leben – ohne Aussicht auf Besserung oder ein halbwegs glückliches Dasein.

Die Depressionen haben mich gebrochen. Ich bin nur noch ein (bemitleidenswerter) Schatten, von dem, was ich mal war. Ich hatte in meinem Leben immer lange und glückliche Beziehungen. Aber jetzt… bin ich völlig allein. Freundschaften zu pflegen, überschreitet meine Kraft. Vielleicht will ich auch einfach niemandem zur Last fallen.

Ich treibe mich auf einer Dating-Plattform herum – natürlich nur mit Bildern von früher. Aber wenn es ernst wird und mich jemand treffen will, mache ich einen Rückzieher – aus Angst vor weiteren Enttäuschungen und weil ich mir denke: „Jemanden wie mich kannst Du doch keiner Frau zumuten“. Wer hat schon Lust, sich von einem depressiven Menschen mit in den Abgrund reißen zu lassen?

Mein Tiktok-Algorithmus ist mittlerweile so gut trainiert, dass ich dort Menschen sehe, die ähnliche Probleme haben wie ich: Teilweise berichtet Leute dort zu 100% von denselben Symptomen, die ich habe. Das spendet mir Trost. Weil ich so für einen kurzen Moment nicht mehr das Gefühl habe, ein Weichei zu sein, dass sich nicht zusammenreißen kann bzw. sich das alles nur einbildet.

Das einzige Licht in meinem grauen Alltag ist mein Sohn. Ich sehe ihn so oft wie möglich. Meist bin ich nach einem langen Tag mit ihm völlig erschöpft. Aber das ist mir egal. Seine Liebe hält mich warm. Ich versuche jeden Tag, ihm die Sterne vom Himmel zu holen. Trotzdem flüstert der kleine Dämon auf meiner Schulter mir immer zu, dass ich kein guter Vater bin. Ich könnte mehr machen, ich müsste besser sein. Ich fühle mich sehr oft schuldig deswegen. Nicht mal das kann ich genießen, nicht mal das verschafft mir Frieden.

Ich weiß, dass viele von Euch das alles nicht verstehen können. Ich selbst hätte vor fünf Jahren auch noch den Kopf geschüttelt und „so ne Drama-Queen“ gedacht. Sich in sowas reinzudenken, ist leider völlig unmöglich. Ich habe also vollstes Verständnis dafür, wenn Ihr mich nicht ernst nehmen könnt und mich als Jammerlappen tituliert. Ist in unserer Gesellschaft nun mal so. Blöd nur, wenn es plötzlich einen selber trifft…


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9 Kommentare

  1. Moin Steve,

    ich kann das alles sehr sehr gut nachvollziehen. Bis auf den Sohn denn ich habe keinen. Aber damals kurz vor der Trennung in der Beziehung habe ich mir auch immer und immer wieder die Schuld gegeben auch wenn ich es nicht war. Aber gut egal.

    Ja ich stand auch auf einer Brücke, an dem Tag war der Jacky mein Freund aber ein Gildenkollege ist aber dann vorbei gekommen und hat mir erstmal eine geschallert. Wir sind dann beide zum Arzt gegangen haben uns Krankgeschrieben und sind dann 1 Woche an die Nordsee gefahren.

    Es tat gut eine Woche Quatschen, Grillen, Meer und bissel Bier….. Es war geil.

    Dann kamen immer und immer wieder Tiefpunkte. Lustlosigkeit, kein Bock auf Arbeiten, kein Bock auf Nix. Leider bei mir andersrum ich habe Gefressen… Egal Wayne juckts.

    Später bin ich dann mit meinem „achso Besten Freund“ zusammen gezogen. Ich sage mal so bei nicht nur bei Geld hört eine Freundschaft auf sondern auch bei einer Untermiete!

    Tja dann wieder ein fetter Tiefpunkt dann kam meine jetzige Freundin. Die gibt mir bis heute noch Kraft auch nach den Tod meiner Mutter oder meinem Vater.

    Ja ich habe auch viele Freundschaften verloren. Aber es war auch gut. So sieht man wer ein Wahrer Freund ist. Keiner mehr aus meiner Jugend oder auch nicht von der Arbeit im Einzelhandel.

    Lange rede kurzer Sinn bevor es auch wieder ein Roman wird….

    Ich wünsche dir viel Kraft für alles. Und lass dir von jemanden sagen der die Depris schon 3 mal besiegt hat (diese Kacke ist genauso schlimm wie Krebs). Gib dir niemals die Schuld an der du nicht Schuld bist. Das musste ich auch in den Zeiten Lernen.

    Genieße jede Minute mit deinem Sohn, Freunden und Familie. Du bist uns keine Rechtschaffenheit schuldig, nur dir selbst.

    Also Kopf hoch und Attacke! Nimm deinen Sohn fahr an die Nordsee oder so (hast es ja eigentlich nicht weit) und ab geht es. So Meeresrauschen kann hilfreich sein

  2. Hey Steve,

    ich schreibe hier eigentlich keine Kommentare, aber Deine Offenheit ist zu bewundern.
    Wir drücken Dir die Daumen, dass die Sonne irgendwann wieder scheint und Du Dein Leben auch wieder in vollen Zügen genießen kannst.

    Die Zeit wird kommen!

    Ich glaube Du bist ein toller Papa für Deinen Sohn und er wird das, wie wir alle im Leben, dann irgendwann später erst zu 100% verstehen können was Du für ihn getan hast.

  3. Mit ging es mal genauso. Dann habe ich für mich beschlossen ,dass ich Abstand vom games nehme. Der Weg war hart, aber erst dadurch habe ich echte Freundschaften gefunden, die nicht themengebunden waren. Ab und an werde ich „rückfällig“ und game eine nacht durch. Danach geht es mir wieder miserabel und ich weiss wieder, wieso ich aufgehört habe.

  4. Ich verstehe sehr gut, was für eine Situation du gerade beschreibst. Viele der von dir erwähnten Gedanken gehen auch mir regelmäßig durch den Kopf. Bei mir hält sich das Ganze aber schon seit über 20 Jahren und es ist Teil einer ganzen Reihe von anderen Problemen. Wurden die Depressionen in all der Zeit und mit einer Therapie besser? Vielleicht ein wenig. Aber es ist noch immer ein täglicher Kampf. Zumindest hilft es die Situation zu akzeptieren und zu wissen, dass ich gewisse Dinge an manchen Tagen einfach nicht tun kann. Dadurch spare ich mir mittlerweile viel Stress.

    Aufgrund meiner eigenen Erfahrungen kann ich also nicht sagen, dass es irgendwann sicherlich besser wird. Das ist nicht garantiert. Trotzdem drücke ich dir die Daumen. Ansonsten kann dir aber zumindest versichern, dass nur die größten Arschlöcher die für so einen Beitrag als Drama-Queen oder Jammerlappen bezeichnen würden. Es erfordert viel Mut so offen über seine Probleme zu reden und dafür sollte man dich respektieren!

  5. Danke für deine ehrlichen Worte die du mit uns teilst. Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft für die Zukunft. Ich habe meine Mutter an Depressionen verloren. Es ist für alle Beteiligten sehr schwer und trotzdem geht das Leben mit allen Höhen und Tiefen weiter. Du alleine entscheidest wie dein Leben weiter geht. Manchmal muss man Akzeptieren das man sich selber verändert und das sich auch das Leben um einen herum verändert. Vielleicht kommt man dann besser zurecht. Ich wünsche dir noch ein schönes Wochenende.

  6. Ich kann dich auch sehr gut verstehen. Hab es Anfang 2020 auf die Akutstation für Psychosomatik geschafft. Hatte da eine tolle Therapeutin, die mich auch nach meinem Aufendhalt übernommen hat. Kannst dich noch erinnern an den Leserbrief “ Mein Leben ist zerrüttet, zwischen Kampf, Hoffnung und Verzweiflung liegt der Schmerz“ den hab ich als Selbsttherapie für mich geschrieben, und nicht nur den einen. Angststörung arbeite ich immer noch dran, Depressionen sind ein Glück nur noch Phasenweise.
    2018 hatten wir hier ein Ingame Event mit Kleiderschau, wie ich dran war, saß ich hier mit der bessten Panikattacke, die man sich vorstellen kann. Das hat alles nachgelassen. Gehe wieder auf Konzerte, hab ein Motorrad gekauft und viel an mir analysiert, aber das ist nicht einfach. Ein Tip von meinem Cousin der Psychotherapeut ist. Sei immer ehrlich zu deinem Therapeuten, dann kann er besser arbeiten/ beurteilen. Bester Tip ever.
    Wünsche dir nur das beste und das du deinen Weg findest, mit dem du zurechtkommst.

  7. Steve, hast du mal deine Hormone (insbesondere Prolaktin und Testosteron) checken lassen? Gerade im Alter geht der Testowert stark nach unten.

    Evtl. hilft dir eine Testosteron Ersatztherapie. Ein Arbeitskollege in deinem Alter ist seitdem wie ausgewechselt und hatte vorher ebenfalls mit schweren Depressionen zu kämpfen

  8. Als Papa hat man doch immer diese Gedanken irgendwie. Ansonsten gute Besserung bro, hast wahrscheinlich tausenden von Leuten geholfen irgendwie. 🙂

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